
(Ein Text von meiner Tante Maria, *1941)
In meiner Erinnerung fängt Weihnachten schon mit der Adventszeit an. Die Adventszeit, mit den Weihnachtstagen und den Tagen zwischen den Jahren etwa bis zum 6. Januar, war eine herausgehobene Zeit des Jahres. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wurden von der Wirtschaft auf dem Bauernhof bestimmt. Advent und Weihnachten waren wie eine fünfte Zeit, die von ganz anderen Dingen erfüllt war, wo man vieles anders dachte und auch anders behandelte. So war in dieser Zeit die Stube immer warm und wir hielten uns darin auch vermehrt auf.
Zum 1. Advent wurden schon große Mengen an „braunem Kuchen”, eine bestimmte Art von norddeutschem Lebkuchen, gebacken. Der Teig bestand aus Mehl, Schmalz, Zucker, Sirup, ein paar Gewürzen und Pottasche. Es war ein einfaches Gebäck. Zu Weihnachten gab es noch ein helles S-Gebäck, das mit Schokoladenguss oder Hagelzucker verziert wurde. Wir Kinder halfen beim Ausstechen des Teiges. Doch die größten Mengen hat Mutter wohl am Abend gebacken, wenn wir kleinen Geschwister schon zu Bett waren. Immerhin waren es so viele, dass eine alte 20 Liter-Kanne und zwei 10 Liter-Dosen damit gefüllt wurden.
Mit Beginn der Adventszeit holte Mutter an jedem Abend für jedes Kind und für sich selbst und Vater abgezählt einen Teller mit braunen Kuchen hervor und stellte ihn mitten auf den Tisch. Jeder durfte also drei oder manchmal vier davon nehmen. Dazu gab es sehr heißen und sehr süßen Fliederbeersaft, oder wie man heute sagen würde Holunderbeersaft, zu trinken. Der Saft schmeckte allen sehr gut und war vor allem auch gut gegen alle möglichen Erkältungen und andere Krankheiten. Damit der Saft lange heiß blieb, wurde die Kanne ans Ofenrohr im Kachelofen gestellt, denn ein Stövchen gab es noch nicht.
An den Samstagabenden im Advent durften wir etwas länger aufbleiben, aber nur, wenn die großen Geschwister ihre Gesangbuchverse, den Psalm und die Abschnitte aus dem Katechismus für die Christenlehre am Sonntag gut gelernt hatten. Diese Abende habe ich in schöner Erinnerung, weil wir alle so nah beieinander waren und manchmal ging es dabei auch ganz lustig zu. Manchmal schälte Vater Äpfel und verteilte die Stücke an uns. Manchmal spielten wir auch Dame oder Mühle oder Quartett. Manchmal las Vater auch eine kleine humorvolle Geschichte aus der Zeitung oder dem Bauernkalender vor. Mutter strickte immer Strümpfe und war meistens schon sehr bald müde.
In dem einen Jahr bastelten wir aus blass-bunten Wachspapierstreifen Fröbelsterne. Das Papier war bei einem Tauschgeschäft im Krieg gegen Nahrungsmittel zu uns gekommen. Mutter hatte es sorgfältig aufgehoben und somit konnten wir den Weihnachtsbaumschmuck mit den Sternen ergänzen. Bastelmaterial wie buntes Papier und Kleber gab es damals noch nicht zu kaufen – oder man gab für solche Dinge ganz sicher kein Geld aus. In meiner Erinnerung an die lange Adventszeit spielten die braunen Kuchen, der süße Fliederbeersaft, die warme Stube und das Singen der schönen Advents- und Weihnachtslieder eine wichtige Rolle. […]
Anmerkung: Heute am Vorabend des 2. Advent habe ich länger mit meiner Tante telefoniert. Sie hat viele schöne Geschichten über den Ort ihrer Kindheit. Ich folge ihr um eine Generation, die Orte von denen sie schreibt, die Gerüche und Personen, kenne ich alle. Ihre Texte und die ihrer Geschwister und die meines Großvaters sind ein großer Schatz für mich.