(Ein Text von meiner Tante Maria, *1941)

Im Keller war ein vier Meter langes Regal mit drei Ebenen voll gefüllt mit eingekochten Erbsen, Möhren und Bohnen. Daneben standen die großen Gläser mit Kompott von Erdbeeren, Stachelbeeren, Kirschen, Birnen und Pflaumen. Auf der oberen Ebene standen die Marmeladengläser, die akurat mit Zelluphanpapier zugebunden waren. In großen Steintöpfen waren Gurken eingelegt und im Garten standen Grünkohl, Porree und Rosenkohl. Auf dem Boden hingen die Bohnenbüsche zum Trocknen, die für eine „dicke Suppe” gut waren. Dann waren noch die vielen Kisten im Keller mit den Winteräpfeln.
Es war also gut vorgesorgt – aber es musste ja auch für eine neunköpfige Familie reichen. Bei guter Einteilung kam Mutter damit durch den Winter, bis es wieder frischen Rhabarber, Spinat und Salat gab. Nur an einem fehlte es noch: Die Vorräte an Speck, Fleisch und Wurst waren aufgebraucht. Es musste noch vor Weihnachten geschlachtet werden. Um diese Zeit herum wurde meistens ein etwa 200 bis 250 Pfund schweres Schwein geschlachtet. Erst im Februar oder März wurde ein richtig fettes Schwein von 400 bis 500 Pfund (oder 4-5 Zentner) geschlachtet. Daraus konnte man einen ordentlichen Vorrat an Mettwurst, Speck und Schinken für den Sommer anlegen. Zum Schlachten kam der Schlachter, der in der Nachbarschaft wohnte und den ganzen Herbst und Winter mit sogenannten Hausschlachtungen beschäftigt war, zu uns ins Haus. Am Schlachttag mussten alle mithelfen – auch Vater. Er sorgte vor allem für genügend heißes Wasser und dass das Wasser im großen Waschkessel immer kochte. In dem Waschkessel wurde das Fleisch gegart und später am Tag auch die Würste. Das Kochwasser ergab am Ende des Tages eine kräftige Suppe – die Kesselsuppe. Die Speckseiten und Pfoten, auch Eisbeine genannt, wurden im Keller in einem Steinbottich in Salz eingelegt. Einige Wochen später wurden sie herausgenommen, auf Stangen aufgehängt und zum Räuchern in die Räucherkammer gebracht. So blieben sie den Sommer haltbar.
Der Schlachttag gefiel mir nicht so besonders, ganz im Gegensatz zu meinem jüngeren Bruder. Er liebte es überall dabei zu sein. Irgendwie schlug die Schlachterei mir aufs Gemüt. Vielleicht war es aber nur deshalb, weil Küche, Diele und Waschküche nass und glitschig waren und es keinen gemütlichen Ort im Hause gab. Erst am Abend, wenn es gebratene Leber und gebratenes Fleisch gab, war ich wieder gut dabei. (Denn einen frischen Braten gab es nur zur Zeit des Schlachtens, sonst gab es nur eingekochtes Fleisch, das zum Sonntag in der Pfanne kurz angebraten wurde). Am besten gefiel mir aber, dass wir Kinder auch einen kleinen Kringel Leberwurst oder Grützwurst bekamen, den wir selber in der Räucherkammer aufhängen und selber den Zeitpunkt des Verzehrs bestimmen durften.
Zum Ritual eines Schlachttages gehörte, dass der Schlachter und die Erwachsenen am Ende des Tages einen Bremervörder klaren Korn tranken.