Altar der evangelisch-lutherischen Thomasgemeinde in Münster, Flandernstraße
Es ist der Ort Jerusalem, die Stadt, unruhig und gleichzeitig in Festtagsstimmung. Das Passahfest steht bevor. Die Familien und Freunde kommen zusammen, sie feiern und erinnern die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten.
An Palmarum erinnern die Kirchen an die Ankunft Jesu in Jerusalem zum Passahfest. Es wird das letzte gemeinsame Abendessen und Zusammensein mit seinen engen Freunden. Es kommt zum Verrat, zum Todesurteil, es kommt zu Verleumdungen, zu Tod und Trauer.
Ich bin in einer Schule aufgewachsen, genauer in der Lehrerwohnung des 1929 erbauten Schulhauses im niedersächsischen Oersdorf. Mein Vater hatte hier die letzten Jahre, bis zu ihrer Schließung, unterrichtet und das Gebäude dann 1972 gekauft.
Im Keller unter dem Klassenraum blieben nach der Schließung der Schule in den Regalen die Unterrichtsmaterialien liegen: Reagenzgläser, Flüssigkeiten in kleinen Gläsern mit Korkverschlüssen, Kartenständer, Landkarten, Steinsammlungen, Bälle und Maßbänder für den Sportunterricht. Auf dem Dachboden lagen Portraits von Goethe und Schiller.
Mit meiner großen Schwester am Gartenzaun vor unserem Haus, 1975
Die Schule gehörte jetzt meinen Eltern. Ich war ein Kind und die Schule seit wenigen Jahren geschlossen. Die Bedeutung und die Erinnerungen der Familien im Dorf an „ihre“ Schule waren mir als Kind natürlich nicht bewusst. Ich liebte es, beim Blick in die Regale darüber nachzudenken, wie das Schulleben wohl früher war. Ich stellte es mir als Kind idyllisch aber auch aufregend vor.
Mit meiner Tochter sah ich gestern alte Fotos an. Wir kamen zufällig dazu und blieben an den Fotos und den Geschichten hängen. Fotos aus einer Zeit vor ihrer Zeit.
Vor ein paar Jahren half ich meinen Eltern beim Verfassen der Dorfchronik des kleinen niedersächsischen Dorfes Oersdorf, in dem ich aufgewachsen bin.
Die Wochen in denen ich während dieser Zeit in die Dorfgeschichten eintauchte, führten zu einer Lebendigkeit der Erlebnisse und ließen mich mein Verwobensein in die Geschichte, Orte und Beziehungen spüren. Sie machten mir gleichzeitig meine Endlichkeit aufs Neue bewusst.